Shamall History

norbert-2016Es war ein weiter Weg für Shamall von den ersten Veröffentlichungen Mitte der 80er bis zu den heutigen, zeitlosen neopro-gressiven Rock-Hymnen. Doch zunächst kam alles ganz anders….

Gitarre spielen lernen – um jeden Preis. Nichts wollte „young“ Norbert Krüler  mehr als das. Und nichts und niemand konnte ihn davon abbringen. Auch nicht  sein Gruppenleiter bei den Pfadfindern, der ihm die ersten Akkorde auf diesem edlen Instrument beibrachte, ihm aber erklärte, dass er es mit seinen dicken Wurstfingern wohl nicht lernen würde.

Aber schon als Kind gab es Worte wie „aufgeben“ nicht in Norberts Wortschatz. Also nahm er seine Mundorgel und übte, übte und übte…
Stunden, Tage, Wochen und Monate, um die heilige Kunst dieses  Instruments zu erlernen. Solange, bis er von den klangtechnischen Einschränkungen seines akustischen Instruments gelangweilt war.

Es war in den frühen Siebzigern, als der damals 13-jährige anfing, die Musik von Jimi Hendrix, Pink Floyd und Led Zeppelin zu entdecken. Und natürlich war er wie viele seines Alters ein großer Fan des deutschen Krautrock.

„Not macht erfinderisch“ – da Norbert jegliche Mittel für eine E-Gitarre, geschweige denn für einen Gitarrenverstärker fehlten, versuchte er auf experimentelle Weise mit einem selbstgebauten Verstärker, den Lautsprechern alter Radios und seiner akustischen Klampfe ähnlich verzerrte und psychedelische Töne zu erzeugen wie seine neuen Helden.
Allerdings bestand zu dieser Zeit sein größtes Talent eher darin, unschönen Krach zu erzeugen, der häufig damit endete, dass die Sicherungen ‚rausflogen…. – sehr zum Ärgernis seiner Eltern.

Von den ersten psychedelischen Ausflügen bis zu einer Bandgründung sollten daher noch viele Jahre ins Land gehen.

Bevor er eigene Songs schrieb und um mehr über das Komponieren, Texten und Arrangieren zu lernen, coverte Norbert zunächst die Titel anderer Bands. Der Übergang zu eigenen Kompositionen mit selbst geschriebenen Texten war dann aber fließend. Einer seiner ersten eigenen Songs war der Titel „Don’t get your panties in a bunch“, welcher viel später – nämlich erst nach über 30 Jahren – in einer überarbeiteten Version auf dem Album „Is this human behavior“ 2009 erschien. Bereits in diesem Song zeichnete sich Norberts Leidenschaft für sozialkritische Texte ab.

Erste Live-Erfahrungen sammelte Norbert dann in Kneipen und Jugendzentren. Doch schon bald – mit wachsendem Bekanntheitsgrad – teilte er sich die Bühne auf Festivals und Konzerten mit angesagten deutschen Bands wie Eloy, Birthcontrol, Guru Guru, Kraan, Kollektiv, Grobschnitt, Kin Ping Meh und vielen anderen. Auch wenn diese Zeiten aufregend waren, so wurde ihm doch schnell klar, dass seine musikalische Zukunft ohne Schallplattenvertrag nicht sehr rosig aussehen würde. So nahm er Mitte der 70er die Gelegenheit wahr, die Livebühne gegen eine Discokonsole in einem der immer populärer werdenden Clubs einzutauschen.

Seine DJ-Karriere begann 1976 in einer mittelgroßen Krautrock-, Jazzrock-, Funk- und Psychedelic-Discothek im ländlichen Rheine/Mesum in NRW. Seine Jugend, sein Talent und seine spezielle Art, Musik durch eigene Mixe und homogene Zusammenstellungen den Musikfans zu präsentieren, machten ihn schnell zu einem überregional beliebten DJ. Schon ein Jahr später arbeitete er dann als Resident-DJ in der Aladin-Music-Hall in Bremen – der damals wohl größten Rock-Disco in Deutschland, der er auch mehr als 30 Jahre die Treue hielt.

Seine Aufgabe bestand – wie schon zuvor – darin, sich um die damals immer angesagtere Rock-, Krautrock-, Jazz- und Fusion-Musik zu kümmern und diese einem grossen Publikum erfolgreich zugänglich zu machen. Das beinhaltete Krautrockbands wie Karthago, Streetmark, Ramses, Flaming Bess, Birthcontrol und Jane genauso wie Pink Floyd, Genesis, Camel, Eloy, Manfred Mann und anderen Psychedelicbands genauso wie Jazz- und Fusion-Interpreten wie Weather Report, Michael Naura, Santana, Herbie Hancock etc. Nur eben hier auf Großstadtniveau.

Auch experimentelle Progressiv-Projekte wie Caravan, Mike Oldfield, Nektar etc. gehörten zum allabendlichen Programm. Selbst die damals noch unbekannte kanadische Band Saga oder die Australier Flash & the Pan waren unter vielen anderen schon 1978 nicht wegzudenkende Klassiker. Da es zu dieser Zeit deutschlandweit keinen anderen Club dieser Größenordnung mit mehreren tausend Gästen pro Nacht gab, hatte Norberts Arbeit einen sehr starken Einfluss auf die Entwicklung der Musik ausserhalb des Mainstreams in der gesamten Republik.

In den 40 Jahren seines kreativen DJ-Schaffens nutzte er seinen Bekanntheitsgrad, um neuen und innovativen Bands zu größerem Publikumserfolg zu verhelfen, indem er deren Musik immer wieder seinen allabendlichen Gästen präsentierte. Auch dann, wenn es zunächst einmal bei einem Interpreten so aussah, als wenn dieser keine Hörerakzeptanz bekäme. Noch heute erinnert er sich gerne an das Projekt von „Chris Evans & David Hanselmann“ (ab 1980), das sich zunächst in der Aladin-Music-Hall als unspielbar darstellte.

Musikfans mehrerer Generationen liebten Norberts einzigartige Remixe, die selbst simple Rock-Songs unbekannter Bands oft in epische Werke verwandelten. Schon früh erkannte er, dass er durch das Umarrangieren, Hervorheben bestimmter Passagen oder dem Hinzufügen eines interessanten Intros die Neugierde der Musikfans auf einen Titel steigern konnte. Hierdurch gelang es ihm oft, eigentlich unspielbare Bands erfolgreich in das allabendliche Programm seiner Music Hall einzubinden.

Begonnen hatte Norbert damit 1976. Für seinen ersten Mix musste niemand geringerer herhalten als Jimi Hendrix mit seinem Klassiker „Who knows“, gefolgt von den Doors mit dem unsterblichen „When the Music’s over“. Auch „Tubular Bells“ von Mike Oldfield sowie der Klassiker „Ricochet“ von Tangerine Dream waren vor seiner „Modifizierung“ nicht sicher.

Über die Jahrzehnte produzierte Norbert viele verschiedene Arten von Neuinterpretationen aus jedem erdenklichem Genre. Nach hunderten von Mixen jedoch stellte er fest, dass sich diese zwar alle spannend und unterhaltsam anhörten, er selbst jedoch noch nichts wirklich neues geschaffen hatte.

1984 begann Norbert dann wieder eigene Musik zu machen. Fasziniert von den neuen Möglichkeiten technischer Klangerzeugung durch Synthesizer setzte er sich nun intensiv mit den Geräten und deren unendlich vielen Drehknöpfen auseinander. Nach wie vor waren es die Helden seiner Jugend, aber auch Produzenten wie John Carpenter, die ihn für sein zukünftiges Schaffen inspirierten.

Gekleckert hatte die Aladin-Music-Hall in ihrer Hochzeit nie, so war es nicht verwunderlich, dass Mitte der 80er die Laseranlage in der Main-Hall zu den größten in ganz Europa gehörte. Für dieses seinerzeit unvergleichliche, sphärische Licht komponierte Norbert eine ganz spezielle Musik: Psychedelische Sequenzen und Arpeggios, eingebettet in weite modulierende Flächen mit Streichern, einzigartigen Effekten, die durch eine gefällige Rhythmussektion clubtauglich produziert wurden.

Durch das Zusammenspiel dieser effektvoll treibenden und pulsierenden Musik im Einklang mit der Laseranlage entstand eine hypnotisch Metamorphose, die die Musikfans allabendlich in ein Farbenmeer virtueller Welten eintauchen ließ.
Die meisten dieser Frühkompositionen wurden offiziell nie veröffentlicht und waren ausschließlich dem Clubpublikum zugänglich.

Es war wohl hauptsächlich der überregional grosse Einzugsbereich der Aladin-Music-Hall, dem Norbert es zu verdanken hatte, dass es nicht wirklich lange dauerte, bis eine Plattenfirma an seine Tür klopfte und ihm einen Schallplattenvertrag auf Basis seiner frühen Werke anbot. Leider waren seine langen experimentellen musikalischen Ausflüge nicht radiotauglich. Daher sollte Norbert aus kommerziellen Gründen einige der Titel kürzen und Gesang hinzufügen.

Unter dem Pseudonym „Shamall“ produzierte er zusammen mit den Musikern Detlef Reder und Michael Jaspers im Jahr 1986 die 12“ Single „My Dream“, mit den weiteren Titeln „Caligula 2009“ und „Karin“.

Nur ein Jahr später veröffentlichte Norbert die zweite Maxi Single mit dem Titel „Feeling like a stranger“; ergänzt durch die Songs „Running against the time“ und „Love don’t exist“. Beide Veröffentlichungen kletterten die Musikcharts hinauf und „My Dream“ schaffte es sogar bis in die Top 10.

Dennoch hatte der Erfolg auch Schattenseiten. Eher unbemerkt und vor allem unbeabsichtigt drohte sich Shamall in ein nie gewolltes Disco-Projekt zu verwandeln, welches sich schon viel zu weit vom Ursprungsgedanken des „Kopfkino durch psychedelische Musik“ entfernt hatte. Unzufrieden mit der Aussicht, mit grosser Wahrscheinlichkeit zukünftig in diesem Genre gefangen zu sein, beschloss Norbert, musikalisch neue Wege zu gehen.

Ende der 80er veröffentlichte Shamall dann seinen ersten Longplayer „Journey to a Nightmare“ im Stile mystischer elektronischer Musik mit klassischen, psychedelischen und zeitweilig krautrockigen Elementen. Bis heute ist dieses Album für die Shamall-Fans ein Meilenstein kreativen Schaffens.

Schon ein Jahr später wurde das Folgealbum „Moments of Illusion“ veröffentlicht. Es war das erfolgreichste Shamall-Album der Elektronik-Ära. Die Tatsache, dass die deutsche „Telekom“ und die Warner Media Group „Time Life“ den Titel „Physical Visions“ eine lange Zeit für internationale TV-Werbespots verwendeten, sorgte dafür, dass dieses Album um die ganze Welt ging.

Auch die nachfolgenden Musikalben „Mirror To Eternity“, „Collectors Items“, „In Search of Precision“, „This Island Earth“ und „Influences“ erfreuen sich noch heute weltweit großer Beliebtheit unter den Fans dieses Genres.

Das Album „Influences“ war Shamalls letzte Veröffentlichung im Stile elektronischer Musik. Aus jedem verfügbaren Synthesizer oder Sampler hatte Norbert nun weit über ein Jahrzehnt jeden nur erdenklichen Ton gehört oder benutzt. So dass seine Neugier auf diese Musik langsam den Reiz verlor. Zudem bekam er selbst den Eindruck, sich langsam aber sicher zu wiederholen.

Es war erneut ein Rückblick in die Vergangenheit, der Norbert das Gefühl gab, sich wieder einmal neu definieren zu müssen. Das Ergebnis dieser Selbstreflexion war der Wunsch, das kreative Schaffen zukünftig bodenständiger zu gestalten. Gitarre und Gesang sollten nun die Basis der Musik bilden, währenddessen natürlich weiterhin effektvoll genutzte Elektronik die Musik zeitgemäss unterstützen sollte.

Ein Wechselspiel zwischen Synthese und bodenständigem Rock verbunden mit ausdrucksstarken Texten sollten zukünftige Werke progressiver und anspruchsvoller gestalten.

„The Book: Genesis“ war das erste Album, auf dem diese Elemente eine spürbare Rolle übernahmen. Die Hörer der WDR Radio-Show „Schwingungen“ würdigten dieses Album, indem sie das vierteilige Hauptthema „New Age Krautrock Symphony“ zum besten Titel des Jahres 2001 wählten. Aber nicht nur die musikalische Leistung wurde gewürdigt. Auch die Namensgebung des Titels inspirierte die Presse zur Umbenennung dieses Events in die „New Age Krautrock Awards“.

Im Jahr 2003 veröffentlichte Shamall das Album „Who do they think they are“. Das erste Album aus dem Genre Neo-Progressive Rock, in dem Vocals und facettenreiches Gitarrenspiel eine dominante Rolle übernahmen. Ein Konzeptalbum über den Golfkrieg und ein weiterer großer Schritt in Shamall’s Karriere.

Die Medien feierten dieses Album mit den Worten „… musikalisch ist Shamall einerseits seinen alten Vorbildern treu geblieben – facettenreich ausgeschmückter Artrock mit psychedelischen Soundtrips a la Pink Floyd …. andererseits kennt er sich auch bestens mit aktuellen Chillout- und Ambientsounds aus und kombiniert diese mit moderner Elektronika und satten Rockgitarren“.

2006 erschien dann das zweite Konzeptalbum „Ambiguous points of view“. Mit diesem Album hatte Shamall endgültig die Weichen für seine zukünftige musikalische Richtung gestellt.

Die amerikanische JPF-Foundation Jury wählte im Jahr 2009 – unter insgesamt 560.000 Teilnehmern aus über 90 Ländern mit 42.000 unterschiedlichen Alben – das Shamall-Album „Ambiguous Points of View“ sowie 3 Titel daraus zu einer der besten Veröffentlichungen des Jahres in der Kategorie „Progressive Rock“.

Durch die Nachfolgealben „Questions of Life“ (2008), „Is this human Behavior“ (2009), Turn Off“ (2013) und dem ganz neuen Album „Continuation“ (2016) ist es Shamall gelungen, sich einen festen Platz in den Sparten „Neo-Progressive-Rock“ und „Space-Rock“ mit weltweit vielen Fans zu sichern.

2017 nominierte die amerikanische JPF-Foundation Shamall erneut: Das Album „Turn Off“ ist Finalist in der Kategorie „Bestes Alternative Album“. 2 Titel dieses Albums „Shout it out“ und „Horrible Nightmare“ sind nominiert als „Bester Alternative Song“ bzw. „Bester Modern Pop/Rock Song“.

Als Dankeschön für die mittlerweile 30-jährige Treue seiner Fans veröffentlichte Shamall ebenfalls Mitte 2016 das „History-Book“ – eine CD-Box mit 5 Cds.
Neben einer Auslese des jahrzehntelangem Schaffens enthält diese Box eine überarbeitete Version seines Frühklassikers „Caligula 2009“ und das komplette „Continuation“-Album, welches zu einem grossen Teil aus unveröffentlichtem Material des „Turn Off“-Themas besteht.

Über all die Jahre begleiteten viele exzellente Musiker den Weg von Shamall, mit deren wertvoller Hilfe bis heute 18 Alben fertiggestellt wurden.

Wie schon anfänglich erwähnt: Es war ein weiter Weg von den ersten Veröffentlichungen Mitte der 80er bis hin zu den aktuellen, zeitlosen neo-progressiven Rock-Hymnen. Eine Zeit grosser Herausforderungen, denen Shamall sich auch in Zukunft voller Leidenschaft stellen wird.

Shamall-Discografie:
1986: My dream (12″-Single)
1987: Feeling like a stranger (12″-Single)
1989: Journey to a Nightmare (LP, CD, MC)
1990: Moments of Illusion (LP, CD, MC, MD)
1993: Mirror to Eternity (CD, MC)
1993: Collectors Items (1986 – 1993) (2 CD)
1994: In Search of Precision (CD)
1997: This Island Earth (CD)
1998: Influences (2 CD)
2001: The Book of Genesis (2 CD, itunes)
2003: Who do they think they are (2 CD, itunes)
2006: Ambiguous points of view (2 CD, itunes)
2007: Timeless journey I (itunes)
2007: Timeless journey II (itunes)
2007: Timeless journey III (itunes)
2007: Timeless journey IV (itunes)
2008: Questions of Life (CD, itunes)
2009: Is this human behavior (2 CD)
2010: Feeling like a stranger – the whole trip (re-release of the 2nd 12″ single)
2011: Influences (2 CD) [re-issue with bonus tracks]
2013: Turn Off (2 CD)
2016: History Book – 30 Years Anniversary Edition (5 CDs)
2016: Continuation

Steckbrief Norbert Krüler:

Geboren am 06.12.1957 in Emsdetten (Westfalen)
30 Jahre DJ für alternative und progressive Rockmusik im Bremer Aladin
heute: Musiker und Produzent

 

Ein Gedanke zu “Shamall History

  1. Seit ’87/’88 begleitet mich die Musik von Norbert und in meiner Zeit als LJ zwischen ’94 und 2003 war gerade die „Journey To a Nightmare“ immer wieder Grundlage für die Einrichtung und Programmierung der Scans oder Laser. Keine andere Musik berührt mich so sehr, entspannt mich oder wühlt mich auf. Danke dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.