„Würde alles so wieder machen“ – Interview mit dem Weser Kurier vom 15.10.2016

Interview Weser Kurier vom 15.10.2016 - "Würde alles wieder so machen"

Schöpferisches Zentrum: Norbert Krüler, Kopf der Band Shamall, in seinem Studio in Etelsen. © FOCKE STRANGMANN

© FOCKE STRANGMANN

Band Shamall um den Musiker und Produzenten Norbert Krüler besteht seit 30 Jahren / Stets weiterentwickelt
„Würde alles wieder so machen“
von Marius Merle 15.10.2016

Langwedel-Etelsen. Von null auf hundert, so lässt sich der Start der Band Shamall vor 30 Jahren beschreiben. 1986 ging es direkt in die Top Zehn der deutschen Charts. Führender Kopf damals: Norbert Krüler. Und der seit 1994 im Langwedeler Ortsteil Etelsen lebende Musiker hat die Band auch danach lange Zeit als Einzelkämpfer am Leben gehalten. Mehr als ein Dutzend Tonträger veröffentlichte er, wobei der musikalische Stil wiederholt einen Entwicklungsprozess durchmachte. Nun feiert Shamall ihr 30-jähriges Bestehen. Ein runder Geburtstag, von dem während der Anfänge noch alles andere als auszugehen war.

Krüler, der bereits in jungen Jahren in der nordrhein-westfälischen Heimat auch auf größeren Bühnen Gitarre spielte, begann ab Mitte der 1970er Jahre als DJ im Bremer Aladin zu arbeiten. „Damals die wohl größte Rock-Disco mit später einer der größten Laser-Anlagen in Europa“, hebt er den damals überregionalen Stellenwert der Diskothek hervor. Legte er zunächst jahrelang nur die Stücke anderer Musiker auf, begann er irgendwann auch selbst damit, zu produzieren. So komponierte er zu den Laser-Shows eine, laut eigenen Angaben, „ganz spezielle, effektvoll treibende und pulsierende Musik“, die sehr gut ankam und die dazu führte, dass „ich kurz darauf eine Schallplattenfirma im Laden stehen hatte“. Und dann sei alles auch recht schnell gegangen.

Aus dem Nichts in die Top 10

Zusammen mit zwei weiteren Musikern produzierte Krüler unter dem Namen Shamall 1986 die erste Single „My Dream“. Doch zunächst galt es allerdings noch ein Problem zu lösen. „Die Plattenfirma wollte Titel mit Gesang, von uns wollte aber niemand singen. Also haben wir Streichhölzer gezogen und die Wahl fiel dadurch letztlich auf mich“, erinnert sich Krüler zurück. Ebenso wie die zweite Single „Feeling like a stranger“ gelang eine gute Chartplatzierung. Alleine „My Dream“ wurde laut dem 58-Jährigen weltweit mehrere Hunderttausend Mal verkauft. Und obwohl die Musik von Shamall durch die Decke ging, finanziell sei der Gruppe damals durch Pech mit Verträgen laut Krüler „nichts über geblieben“. Die Musiksequenz wurde zudem, wie er erst viele Jahre später erfahren sollte, für ein Konsolenspiel verwendet, das sich mehrere Millionen Male verkaufte. „Da hat sich einfach jemand anderes als Komponist ausgegeben“, sagt Krüler. Auch davon habe er also finanziell nichts gehabt.

Neben diesem Kummer, dass der Erfolg nicht das eigentlich damit einhergehende Geld brachte, hatte Krüler aber noch andere Bedenken. „Nach dem zweiten Hit war man hart an der Grenze, einen Stempel als Disco-Projekt zu bekommen“, erklärt er, wieso er keine Lust hatte, diesen Weg der damals massenkompatiblen Musik weiter zu gehen. Er entschloss sich, neue Wege zu gehen – wieder ohne Gesang und alleine, denn seine beiden anfänglichen Mitstreiter hatten Shamall inzwischen verlassen. „Dann habe ich Musik gemacht, auf die ich Lust hatte und die ich im Aladin gleich testen konnte, wie sie ankommt“, nennt Krüler die damaligen Vorzüge dieses Jobs. Für seine erste CD mit dem Titel „Journey to a Nightmare“ habe er zunächst keine Plattenfirma gefunden, sie dann aber 1989 über eine Independent-Firma veröffentlichen können. Musikalisch ließ sich dieses Album im Bereich Elektronik mit klassischen, psychedelischen und krautrockigen Elementen einordnen, wie es Krüler beschreibt.

Bereits ein Jahr später erschien das Folgealbum „Moments of Illusion“, das laut dem Etelser erfolgreichste Shamall-Album der Elektronik-Ära. Der darauf enthaltene Song „Physical Visions“ wurde sogar für einige internationale TV-Werbespots verwendet, etwa von der Telekom. Es folgten fünf weitere Alben im Stile elektronischer Musik – inzwischen auch ohne Plattenfirma selbst produziert –, bis Krüler das Gefühl gehabt habe, dass diese Zeit vorbei sei und ein Wandel her müsse. Die erste CD „The Book: Genesis“, dessen musikalische Basis nun mehr Gitarre und Gesang bildeten, erschien 2001. Danach kam mit Matthias Mehrtens ein weiterer Gitarrist zu der Band, wodurch es endgültig zum Umschwung zum Genre Neo-Progressive Rock kam, was auf der 2003 veröffentlichten CD „Who do they think they are“ – ein Konzeptalbum über den Golfkrieg – zum Ausdruck kam. Insgesamt habe Krüler mit seinen Texten stets kritische Themen aufgegriffen.

Bis heute setzte Shamall diesen musikalischen Weg weiter fort, in regelmäßigen Abständen wurden CDs auf den Markt gebracht, die laut Krüler dazu geführt haben, dass sich die Band einen festen Platz in diesem Bereich der Musikbranche mit weltweit vielen Fans sichern konnte. „Russland, Japan, Amerika, Kanada“, nennt er nur einige Länder, in denen die Alben stets guten Absatz finden – so auch die zum 30-jährigen Bestehen auf den Markt gekommene Fünf-CD-Box mit Liedern aus den drei Jahrzehnten. Inzwischen gibt es mit Anke Ullrich auch eine Sängerin bei Shamall.

Aber was bedeutet eigentlich der Bandname? Er ist abgeleitet vom Wüstenwind Schamal. „Der Name klingt gut und ist zeitlos“, begründet Krüler, der gerne auf die bisherigen 30 Bandjahre zurückblickt. „Ich würde alles wieder so machen“, betont er. Man müsse auch Fehler machen und daraus lernen und spielt damit vor allem auf die kommerziell erfolgreiche Anfangszeit an, aus der man selbst kaum finanziellen Profit schlagen konnte. „Aber ich denke, wenn damals alles glatt gelaufen wäre, würde es Shamall heute gar nicht mehr geben“, sagt der 58-Jährige, der es einfach schön finde, in seinem Alter immer noch in diesem Job arbeiten zu können. „Wobei mir natürlich auch klar ist, dass ich Musik für eine sterbende Generation mache“, fügt Krüler an. Aber dennoch, der musikalische Weg von Shamall sei auch nach drei Jahrzehnten noch nicht am Ende.

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Music Waves: Interview und Rezension

Das namhafte französische Webzine „Music Waves“ hatte im Januar die neue Shamall-CD „Is this human behavior“ besprochen und seiner Leserschaft ans Herz gelegt. Anbei die übersetzte Version des sehr ausführlichen Reviews durch Music Waves. Und seit kurzem gibt es auch noch ein Interview mit Norbert. Die Fragen stellte Pete_T von Music Waves.

c/o Music Waves - 02/2010

Rezension „Is this human behavior“

Interview Music Waves - Shamall, Februar 2010

Interview Music Waves – Shamall, Februar 2010

 

 

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